Ein Reisebericht aus der Zeitschrift "Das Ausland." Ein Tagblatt für Kunde des geistigen und sittlichen Lebens der Völker. München, J.G. Cotta´sche Buchhandlung, Nummer 280, 7.Oktober 1829
Karlsbad, in neuerer Zeit als der Badeort der vornehmen Welt berühmt, hatte schon vor Jahrhunderten die Ehre, von Königen und Kaisern besucht zu werden. Kaiser Karl IV war als römischer König an der Seite seines Vaters, König Johanns des Blinden, in den Reihen der Franzosen gegen Edward III von England in der Schlacht von Crecy (am 26 August 1345), einer der ersten, in welcher die furchtbare Erfindung des Pulvers auf schweres Geschütz angewendet wurde, durch das Feuer der Engländer am Bein verwundet worden. Der glückliche Gebrauch , den er im November des folgenden Jahres von der Quelle zu Karlsbad machte, gab diesem Bad Namen und Ruf.
Daß Karl eine so vorgerückte Jahreszeit zu seiner Kur wählte, darf uns nicht befremden, wenn wir bedenken, daß die Mode die Sommermonate in Bädern zuzubringen und der kunstmäßige Gebrauch derselben von viel späterem Datum ist. Wenn aber Peter I, 364 Jahr später, zu Ende Octobers Karlsbad besuchte, und tief in den November hinein daselbst verweilte, so war dieß allerdings ein Verstoß gegen die Badregel, über den wir uns bei jedem Andern, als einem Mann von so eiserner russischer Natur wundern könnten. Peter I traf mit einem zahlreichen Gefolge in Karlsbad ein.
Er beschäftigte sich während seines Aufenthalts hauptsächlich damit, sich Kenntnisse von Künsten und Gewerben zu verschaffen; er begab sich in alle Werkstätten, ließ sich hölzerne Modelle zu Festungswerken verfertigen, die er in seine Staaten mitnahm, schmidete ein Hufeisen im "Hammer" und machte mehreren Handwerkern den Antrag, ihm nach Rußland zu folgen; durch die glänzendsten Versprechungen konnte er aber Nichts ausrichten, denn Rußland dachte man sich damals als ein rechtes Barbarenland und den feurigen Peter mochte sich auch nicht Jeder zum Herrn wünschen. Das noch stehende Haus mit dem Schilde zum Pfauen in der Kreuzgasse sollte gerade angestrichen werden, da bestieg Peter selbst das Gerüste, und als ein Maurer ihn anlachte, so hielt er dieß für Spott und warf ihm eine Kelle Mörtel ins Gesicht; da man ihm jedoch vorstellte, daß der Mann mit diesem Lachen bloß sein Staunen darüber habe ausdrücken wollen, daß ein so großer Monarch wie ein gemeiner Handwerker mit seiner Hand arbeitete, so machte er seine Hitze durch ein Geschenk wieder gut.
Als Peter beim Scheibenschießen in der jetzigen puppischen Allee den besten Schuß gethan und damit zwölf Eimer oder 960 Bouteillen Rheinwein gewonnen hatte, so schenkte er sie der Schützengesellschaft, worüber der Marqueur so unmäßige Freudensprünge machte, daß der Zaar, der dieß nicht verstand, darüber in Wuth gerieth, sich mit Blitzesschnelligkeit, das geladene Gewehr in der Hand, über das Geländer schwang, auf den armen Schelmen anlegte und ihn getödet haben würde, wenn der Dolmetscher nicht den Lauf abgewendet und ihn aufgeklärt hätte. Einmal sah man ihn in dem Hause des Drechslers Heidmann, beim rothen Adler auf der Wiese, wo er logirte, eine elfenbeinerne Dose drechseln, die er dem Decan der Karlsbader Kirche, Matthias Böhm, schenkte. Auch beehrte Seine zaarische Majestät - denn den Kaisertitel bestritt man ihm damals noch - die Hochzeitfeier des Messerschmids Erb mit Sabine Röhr mit Allerhöchstseiner Anwesenheit. Im folgenden Jahr, d.h. 1712 wiederholte Peter ebenfalls gegen Ende Octobers seinen Versuch.
Der Ritter de Carro, ein geborner Genfer, dem wir diese und andere interessante Notizen über Karlsbad verdanken, ist selbst ein in mancher Hinsicht merkwürdiger Mann. Denn im J. 1799 führte er, der Erste - nicht nur in Oesterreich, sondern auf dem Continent von Europa überhaupt, die Kuhpockenimpfung ein. Die Türkei, Griechenland, die brittischen Niederlassungen in Ostindien verdankten ihm die Mittheilung dieser wohlthätigen Entdeckung. Die ostindische Compagnie, der Gouverneur von Bombay, die Hofpodare der Moldau und Walachei erkannten sein Verdienst durch Geschenke von großem Werthe an. Im Jahre 1805 erhielt er aus China eine Sendung von Bergreis, welchem europäische Botaniker ihm zu Ehren den Namen Oryza montana de Carro beilegten. Der Anbau desselben gedieh vorzüglich in Ungarn und in der Lombardei, wo seine Fortpflanzung mit der Zeit vielleicht ein Heer von Krankheiten, die der nasse Reisbau erzeugt, beseitigen dürfte.
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